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CLP Interviewreihe Legal Coaches: Sarah Kind

CLP Interviewreihe Legal Coaches: Sarah Kind

Wie können Juristen von einer Coachingausbildung profitieren? Und wo genau kommt (Legal) Coaching in der juristischen Praxis zum Einsatz? Sarah Kind, Richterin a.D., Anwältin, Karriere Coach und (Legal) Coach im Interview bei CLP.

Sarah Kind war über zehn Jahre lang als Richterin am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und anschließend als Senior Associate in einer auf das öffentliche Recht spezialisierten Boutique-Kanzlei tätig. Heute arbeitet sie selbständig als Coach und Change Begleiterin. Sie hat sich außerdem als Co-Host des Podcasts ROBE & REVOLTE gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Franziska Haberl der Transformation der Rechtsbranche verschrieben, ganz nach dem Motto „Wenn’s dir nicht gefällt, mach neu!“. Frau Kind lebt mit ihrer Familie im Rheinland. Sie ist eine klassische Scanner-Persönlichkeit und liebt Bücher, Reisen, Konzerte, Qi-Gong, den Austausch mit inspirierenden Menschen, Fotografieren und noch vieles mehr.

1.Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit Coaching beschäftigt und warum? Was hat Sie daran besonders fasziniert? Meine ersten Berührungspunkte mit Coaching hatte ich vor etwa zehn Jahren. Damals war ich bereits seit einigen Jahren Richterin – ein Beruf, der für viele als absolutes Karriereziel gilt. Und doch ließ mich das diffuse Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Sollte ich in meinem vermeintlichen Traumberuf nicht eigentlich vollkommen glücklich sein? Über einen Achtsamkeitskurs (MBSR nach Jon Kabat-Zinn) öffnete sich mir eine völlig neue Welt: die der Persönlichkeitsentwicklung. Zum ersten Mal begann ich, meine eigenen Überzeugungen wirklich zu hinterfragen. Mir wurde bewusst, wie viele tief verankerte Glaubenssätze mein Denken prägten, ohne dass ich sie jemals infrage gestellt hatte. Einer davon lautete: „Man kann die Justiz doch nicht verlassen!“ Heute weiß ich: Doch, man kann. Ich bin – unter anderem! – fasziniert davon, wie wir alle in unserer ganz eigenen Wirklichkeitskonstruktion leben. Von der erstaunlichen Fähigkeit unseres Gehirns, sich bis ins hohe Alter hinein zu verändern. Und von der Möglichkeit, unsere Gedanken bewusst(er) zu steuern, anstatt uns von ihnen im Autopilot-Modus durchs Leben tragen zu lassen. Es ist für mich immer wieder spannend zu beobachten, wie sich durch den Dialog im Coaching neue Perspektiven eröffnen. Manchmal passiert das direkt im Gespräch, wenn plötzlich ein neuer Blickwinkel sichtbar wird. Oft wirken Sitzungen auch nach: Ein Gedanke bleibt hängen, arbeitet weiter – und irgendwann fügen sich die Teile zu einem klareren Bild zusammen.

2. Worauf haben Sie persönlich beim Erlernen von Coaching besonders geachtet? Weil der Begriff Coaching nicht geschützt ist, war es mir besonders wichtig, eine fundierte und anerkannte Ausbildung an einem seriösen Institut zu absolvieren. Zudem wollte ich – nach den Einschränkungen der ersten Pandemie-Jahre – die Ausbildung unbedingt in Präsenz durchlaufen. Ganz Juristin habe ich mich im Vorfeld gründlich mit den Inhalten der infrage kommenden Programme auseinandergesetzt. Am Ende habe ich dann auch auf mein Bauchgefühl gehört – und es hat mich nicht getäuscht.

3. Was hat sich für Sie nach Ihrer Coachingausbildung in Ihrer juristischen Tätigkeit verändert? Welche Reaktionen haben Sie von Kollegen, Mitarbeitern und Klienten erhalten? Im Laufe meiner ersten Coaching-Ausbildung hat sich vor allem eines grundlegend verändert: meine Haltung – sowohl mir selbst als auch meinen Mitmenschen gegenüber. Ich habe verstanden, dass jeder Mensch in jedem Moment so handelt, wie es für ihn oder sie auf Basis der eigenen Werte, Glaubenssätze und Überzeugungen sinnvoll und richtig erscheint. Als Coach gebe ich daher keine gut gemeinten Ratschläge. Stattdessen tauche ich durch aktives Zuhören und gezielte Fragen in die individuelle Innenwelt meiner Klient:innen ein – ihre persönliche Landkarte, die ihre Wahrnehmung und Entscheidungen prägt. Gemeinsam betrachten wir den Status quo: Was läuft gut? Was darf sich verändern? Im Dialog verschiebt sich der Fokus von den Problemen, mit denen die Klient:innen ins Coaching kommen, hin zu einer lösungsorientierten Zielarbeit. Diese Haltung zu verinnerlichen und Gespräche entsprechend zu gestalten, war für mich anfangs eine echte Herausforderung. Als Juristin war ich es gewohnt, Sachverhalte schnell zu analysieren, eine Lösung zu erarbeiten und diese in Form einer Entscheidung oder Empfehlung zu präsentieren. Den Druck, sofort eine Antwort parat haben zu müssen, loszulassen — und stattdessen offen, neugierig, wertschätzend und auf Augenhöhe in den Austausch zu gehen — fühlte sich zunächst ungewohnt an. Meine juristische Tätigkeit hat sich dadurch nicht grundlegend verändert. Vielmehr wurde mir während meiner Ausbildung bewusst, dass ich meine neu erworbenen Fähigkeiten nicht in der klassischen juristischen Arbeit, sondern in der Arbeit mit Jurist:innen einsetzen möchte.

4. Wozu setzen Sie Coaching heute in Ihrer beruflichen Situation ein?

Ich begleite Jurist:innen im 1:1-Coaching dabei, mehr Klarheit über ihre Ziele, Werte, Fähigkeiten und Ressourcen zu gewinnen. Die harte juristische Ausbildung und der hohe Druck im Berufsleben lassen oft wenig Raum für die Frage: Wie will ich eigentlich wirklich leben und arbeiten? Coaching eröffnet genau diesen Reflexionsraum. Es geht darum, ein tieferes Verständnis für sich selbst zu entwickeln: Was ist gerade los in meinem Leben – und warum fühlt es sich nicht stimmig an? Wofür möchte ich stehen? Was treibt mich an? Wann bin ich im Flow? Was gibt mir Kraft? Und was passiert, wenn ich mir selbst im Weg stehe – und vor allem: Wie kann ich mich davon befreien und ins Handeln kommen? Besonders am Herzen liegen mir zwei Themen: Zum einen die stärkere Präsenz von Frauen in Führungspositionen der Rechtsbranche. Gemeinsam mit meiner Kollegin Heike Meinhardt biete ich in diesem Jahr erstmals ein Self-Leadership-Programm für Juristinnen an. Natürlich können wir nicht von heute auf morgen die systemischen Rahmenbedingungen verändern. Aber wir können unsere Einflussmöglichkeiten erkennen, gezielt nutzen und so unseren eigenen circle of influence erweitern. Zum anderen die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Sektors. Mit Resonanz.Raum, unserem gemeinsamen Projekt, begleiten meine Kollegin Dr. Franziska Haberl und ich Veränderungsprozesse in Kommunen, kommunalen Unternehmen, Behörden und der Justiz. Wir bieten maßgeschneiderte Change-Begleitung, Führungskräfte- und Team-Coachings an. Dabei verbinden wir tiefes Systemverständnis mit einer frischen, lösungsorientierten Perspektive.

5. Wie hoch schätzen Sie insgesamt die Relevanz von Coaching oder Coachingausbildungen für Juristen ein? Wie nehmen Sie die Entwicklungstendenzen wahr? Sehr hoch! Juristische Fachkompetenz allein reicht heute nicht mehr aus, um langfristig erfolgreich zu sein und gleichzeitig aktiv zur Weiterentwicklung der Branche beizutragen. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind vielfältig – Stillstand ist keine Option. Gerade in der Rechtsbranche werden sog. Soft Skills noch oft unterschätzt. Doch wer sich bewusst damit auseinandersetzt, wie er oder sie leben und arbeiten möchte, und diese Fähigkeiten gezielt entwickelt, schafft einen enormen Mehrwert – für sich selbst, für das Team, für Mandant:innen und Kolleg:innen. Jurist:innen arbeiten täglich mit Menschen und ihren Bedürfnissen. Genau hier liegt großes Potenzial: In der Fähigkeit, besser zuzuhören, klarer zu kommunizieren und Veränderungen konstruktiv zu gestalten.

Ihr persönliches Fazit: Die Zukunft der Rechtsbranche und des öffentlichen Sektors braucht mehr als juristische Expertise. Sie braucht Persönlichkeiten, die juristisches Know-how und echte menschliche Stärken in Einklang bringen können! Und Rahmenbedingungen, die ihnen das auch ermöglichen. Dazu möchte ich mit meiner Arbeit beitragen.

Freuen Sie sich auf weitere (Legal) Coaches und lassen Sie sich inspirieren!

Mehr zu Sarah Kind finden Sie hier:

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Mit herzlichen Grüßen
Dr. Geertje Tutschka, MCC